Geburtsbericht aus Männersicht – Teil 2

„Wir sind im Krankenhaus! Es geht jetzt los!“

Könnt ihr euch vorstellen wie ich mich in dem Moment gefühlt habe?! Am liebsten hätte ich losgeheult und ich konnte mich nur schwer zurückhalten, den Barista, als mir am nächsten stehenden Menschen, in den Arm zu nehmen…
„Da sitze ich, ganz alleine, mitten in Manhattan, während auf der anderen Seite des Atlantiks mein erstes Kind zur Welt kommt“, war der einzige Gedanke, der für einen ewigen Moment in meinem Kopf war. Ein großer Schluck heiße Schokolade holte mich zurück auf den Boden und mir fielen plötzlich tausend Fragen ein, mit denen ich einschätzen könnte, wie lange es noch dauern würde:

„Was sagen die Ärzte? Wie weit ist der Muttermund offen? Liegt Stephie schon im Kreissaal?“

„Keine Ahnung, ich habe die an der Tür rausgelassen und parke jetzt erstmal das Auto!“

Typisch meine Schwester… Sie will Informationen weitergeben, dramatisiert dabei oder wählt einfach die falschen Worte! Mein Puls verlangsamte sich wieder und ich schöpfte so langsam wieder Hoffnung, vielleicht doch noch rechtzeitig heim zu kommen. Ich hatte morgens im Hotel schon den Flugplan gecheckt und enttäuscht festgestellt, dass unser Flug mit einer geplanten Landung um 5:35 Uhr die frühste Rückreisemöglichkeit war. Aber kann es sein, dass sich das jetzt noch 12 Stunden hinzieht?! Scheinbar, denn irgendwann erreichte ich auch Stephie wieder, die am CTG und Wehenschreiber hing, aber noch nicht als Gebärende aufgenommen war. Eine Geburt beginnt nämlich erst, so die Hebamme, wenn der Muttermund 4cm weit geöffnet ist.

Man schickte sie dann auch wieder nach Hause, weil man auch dort meinte, es würde noch nicht losgehen. Also fuhr Stephie mit der ganzen Mannschaft zurück, verabschiedete meine Schwester mit ihrer Familie und meine Mutter blieb, weil die Wehen immer noch heftig waren für den Fall der Fälle, über Nacht.

Für mich kam dann am Freitagmittag auch irgendwann der erlösende Weckruf, der den bevorstehenden Rückflug ankündigt. In einer Mischung aus Hoffnung, Zuversicht, aber auch Angst packte ich meinen Koffer und schlüpfte in meine Uniform. Die wirkt immer wie ein Schutzschild und man fühlt sich damit gleich viel sicherer, doch als ich dann Nadine vor dem Hotel traf, mit der ich schon auf dem Hinflug sehr private Gespräche geführt hatte, stiegen mir doch glatt die Tränen in die Augen und ich erzählte ihr, was mich so aufwühlte. Sie – selbst keine eigenen Kinder – konnte mich jetzt zwar nicht mit Erfahrungswerten, dafür aber mit einer Umarmung beruhigen. Ich habe die Story extra nicht an die große Glocke gehängt, sondern nur sie eingeweiht, vielleicht hat es der ein oder andere von der Crew mitbekommen, aber ich wollte einfach nicht den ganzen Flug daran erinnert werden. Bevor wir dann am Flughafen den Rückweg antraten, schrieb mir Stephie, dass sie sich jetzt ist Bett legen würde und versuche zu schlafen. Ich instruierte sie noch einmal, sollte sie während meines Fluges ins Krankenhaus fahren, meine Einsatzplanung anzurufen und die Neuigkeiten weiterzugeben. Denn die könnten dann eine Nachricht ins Cockpit schicken, damit ich Bescheid weiß!

Dann Abflug. Der Flug verlief ganz ruhig, die Gäste waren wie immer sehr nett, doch ab und zu kam in mir diese leichte Panik hoch: „Bin ich schon längst Papa?!“

Wir waren an diesem Tag, wie fast immer auf dieser Strecke, etwas schneller unterwegs und wären dadurch eigentlich schon 10 vor 5 in Frankfurt gewesen. Doch dort gilt ein Nachtflugverbot, so dass die ersten Flieger ab 5 Uhr landen dürfen und da es einige Flüge um diese Uhrzeit von der amerikanischen Ostküste aus gibt, staut es sich dann ein bisschen in der Luft, so dass wir mit einer Landung so gegen 5:15 Uhr rechneten. Morgens um halb 4 begannen wir den Frühstücksservice und ich meinte so zu Nadine: „Komisch, dann war das wohl doch nur ein Fehlalarm… oder unser Kapitän weiß schon Bescheid und sagt nur nichts?!“ Ihr schossen die Tränen in die Augen, sie drehte sich wortlos um und begann die Gäste zu wecken! Denn ich hatte Recht!

„Guten Morgen meine Damen und Herren, hier nochmal Ihr Kapitän. Ich hoffe sie konnten heute Nacht etwas schlafen und haben den Service der Kabinencrew genossen. Wir beginnen jetzt den Anflug auf den Flughafen von Frankfurt, den wir heute als erste Maschine, die dort landet eröffnen werden.“

Nachdem in Frankfurt alle Gäste ausgestiegen waren, kramte ich nach meinem Handy, schaltete den Flugmodus aus und wartete sehnsüchtig auf Empfang! Ich ging nochmal schnell auf Toilette – man kann ja nie wissen – und als ich mir gerade die Hände wusch, hörte ich den Co-Piloten fragen: „Und? Wie ist der Informationsstand?“ Er stand direkt vor der Toilettentür, so dass ich alles genau verstehen konnte. Das wussten die Kolleginnen draußen auch und ich wusste trotz der Tür, die mir die Sicht versperrte ganz genau, dass sie mit einer Hand Richtung Toilette deuten würden und den freien Zeigefinger vor ihre geschminkten Lippen hielten. „Er ist da drin! Sprich nicht weiter!“, wollten sie wahrscheinlich schreien.

Dann – ganz ungewöhnlich so nach dem Flug – eine Ansage des Pursers: „Bevor wir aussteigen, bitte ich euch alle nochmal hier vor in die Business-Class, ich habe euch noch etwas zu sagen?“ Von wegen… Außer mir wissen nämlich schon alle Bescheid! Wir versammelten uns also nochmal und der Purser las mir die Nachricht vor, die morgens gegen 3 Uhr ins Cockpit geschickt wurde:

Mir zitterten die Knie und ich hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: „Ich will heim!“ Die Crew hatte in der Nacht heimlich Geld zusammengelegt und mir für unser Baby einen Lufthansa Steiff Teddy gekauft.


Eigentlich folgt nach so einem Flug immer eine Verabschiedung, bei der sich jeder von jedem persönlich mit Handschlag verabschiedet! Für mich fiel die an diesem Morgen aus: „Steig in dein Auto und fahr zu deinem Kind!“, hatten sie alle zu mir gesagt und das habe ich auch gemacht. Ich rannte zum Parkhaus, schmiss den Koffer in den Kofferraum und fuhr los Richtung Krankenhaus! Das einzige, an was in meinem Kopf war, war die Frage

„Bin ich schon Papa?“

 

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5 Gedanken zu “Geburtsbericht aus Männersicht – Teil 2

  1. Oh Gott mir laufen die Tränen über die Wangen. Wie schlimm diese Stunden für dich sein mussten und wie unglaublich toll eure Crew zusammen hält. Bin ganz gespannt auf Teil 3

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