Geburtsbericht aus Männersicht – Charly: im Kreissaal

Und damit war ich raus. Schnell wie nie lief ich zum Auto und fuhr nach Hause.
(Teil 1 verpasst? Hier die Vorgeschichte lesen)

Stephie hatte die ersten Wehen gar nicht so ernst genommen. Ihr Tag war ziemlich anstrengend, weil eine ihrer Freundinnen mit ihrem Patenkind und deren zwei Geschwistern zu Besuch war. 3 unter 2 und eine 4 Jährige. Es gab Streuselkuchen, der aber nicht nur am Esstisch, sondern auch im Tipi im Wohnzimmer und im Kinderzimmer verzehrt wurde, dementsprechend sah die Wohnung dann wohl auch aus. Als sich die 4 Besucher am späten Nachmittag auf den Heimweg machten, spürte Stephie schon das erste Ziehen und musste ab da Gwenny, die durchgehend auf ihren Arm wollte, ständig vertrösten, weil sie es einfach nicht mehr schaffte die Kleine schmerzfrei hochzunehmen. Bei der Verabschiedung der Gäste traf Stephie im Flur unsere (kinderlose) Nachbarin, die sie ansah und meinte: „Du siehst aus, als würdest du heute noch dein Kind bekommen!“ Stephie erklärte ihr, dass das nicht sein könne, der errechnete Termin sei erst in 25 Tagen.
Zurück in der Wohnung ging es für sie erst einmal an den Staubsauger. Gwenny, die immer noch auf Stephies Arm wollte, beschäftigte sie damit, den Staubsauger zu schieben – das macht sie auch jetzt noch total gerne – denn aus dem leichten Ziehen war mittlerweile ein ziemlich starkes geworden. Jetzt kam ihr das erste Mal in den Sinn, dass es doch heute tatsächlich schon losgehen könnte.

Für den Fall der Fälle, dass ich es nicht schaffen würde, gab es natürlich einen Plan B. Stephie hatte ihre Eltern schon früher am Abend gebeten zu kommen. Geplant war deren Besuch eigentlich für den nächsten Tag, Stephie erwähnte aber noch keine Wehen, könnte ja sein, dass es nur ein Fehlalarm ist. Sie meinte nur, dass es ja stressfreier wäre, wenn sie schon über Nacht kommen würden.
Außerdem waren – wie auch schon vor Gwennys Geburt – zwei von Stephies Freundinnen immer auf Abruf. Diese hatte Stephie auch schon alarmiert und während ich und meine Schwiegereltern über die Autobahn rasten, packte die eine ihre Tasche, um die Nacht mit Gwenny bei uns zu Hause zu verbringen und die andere machte sich auf ihre erste Geburt gefasst. Wie die beiden entschieden haben, wer mit in die Klinik muss/darf, wissen wir allerdings nicht, aber wahrscheinlich entschied das Glück bei einer Partie „Schnick, Schnack, Schnuck“! Alles war also doppelt und dreifach abgesichert.
Jedoch hätte ich mir nie verziehen, wenn ich Stephie mit dem, was wir an diesem Abend erleben würden, alleine gelassen hätte.

Ich kam knapp 10 Minuten nach meinen Schwiegereltern an und konnte froh sein, dass Stephie noch da war, denn mein Schwiegervater wollte sie, nachdem er seine Tochter  sah, sofort ins Auto packen und in die Klinik fahren. Ich kam kaum durch die Wohnungstür, weil Stephie schon mit Kliniktasche im Flur stand und Gwenny, die vom Trubel geweckt, freudig um ihre Großeltern herumflitzte.

„Du kannst gleich wieder umdrehen und losfahren!“, war die Begrüßung, die ich von meinem sichtlich nervösen Schwiegervater bekam. Ich nahm Stephie in den Arm und man konnte den Stein, der ihr vom Herzen fiel beinahe hören. „Soll ich hier erst nochmal in die Badewanne?“, aus Angst, wie bei Gwennys Geburt hin und her zu fahren, wollte Stephie die Klinikfahrt so lange wie möglich herauszögern.

Die Entscheidung wurde uns aber abgenommen, dreimal dürft ihr raten von wem ;-). Wer wird hier eigentlich Papa?!

Ich durfte gerade noch meine Uniform ausziehen und packte, mit ein paar Sachen aus meinem Koffer, eine eigene Kliniktasche: Wechselshirt, Kosmetikbeutel, Proviant – ich hatte morgens in Dresden zum Glück ein belegtes Baguette gekauft (man weiß ja nie)! Und ab ins Auto.

Abfahrt

Foto nachgestellt – wer denkt denn in so einem Moment daran alles zu fotografieren?!

Am Freitagabend war kaum Verkehr auf der Straße und so waren wir um viertel nach 10 schon auf der Geburtsstation.

Baby Nummer zwei hatte sich ja nicht gedreht und deshalb hatten wir uns wieder für die Klinik mit der geringsten Kaiserschnittrate im Umkreis entschieden. Stephies Frauenarzt meinte, dass sich jedes Baby noch bis zum letzten Tag drehen kann und selbst wenn nicht, ist das kein Kaiserschnittgrund. Stephie war – trotz einiger Gruselstories, die man uns erzählt hatte – fest entschlossen das Kind ganz natürlich auf die Welt zu bringen.

Nachdem wir kurz berichtet hatten und dieses Mal die Einzigen auf der Station waren, kamen wir sofort in einen Kreissaal. Zufälligerweise der selbe, in dem auch Gwendolyn geboren wurde.

Stephie und ich waren bis dahin eigentlich noch ziemlich ruhig. Ich stellte die Taschen ab, holte Wasser und Stephie zog sich um. Fast so als hätten wir gerade in ein Hotel eingecheckt. Dann kam die Hebamme, legte das CTG und den Wehenschreiber an und nach der ersten Untersuchung meinte sie: „Also sie bleiben hier, ich kann den Gebärmutterhals nicht mehr ertasten und der Muttermund ist 4cm offen. Sie sind in einer Geburt!“ Das war eine Erleichterung, denn bei Gwenny – ach ihr wisst ja, wie lange es gedauert hat! Ich sagte noch zum Spaß: „Vielleicht schaffst du ja noch den 3.3.“, es war bereits kurz vor halb 11. „Ja, das Baby wird am 3.3. Geburtstag haben!“, bestätigte die Hebamme.

Wow, wir werden schon heute zum zweiten Mal Eltern. Damit hatten wir nicht gerechnet und vor Freude stiegen uns schon die Tränen in die Augen. „Ich hole mal die Ärztin, damit wir über die Beckenendlage sprechen.“ Einen Moment später stand eine Ärztin im Raum, die mir schon von ihrer Erscheinung und dem ersten „Hallo“ total unsympathisch war. Ich hatte auch gleich das Gefühl, dass sie uns das mit der „normalen“ Geburt ausreden wollte, obwohl ihr Chefarzt bei Infoveranstaltungen genau das Gegenteil predigt.

„Das Baby kommt ja als Frühchen auf die Welt, wie schwer wurde es denn bei der letzten Untersuchung geschätzt?“

2400g

„Oh, normalerweise probiert man bei Beckenendlage erst ab 2500g eine normale Geburt. Darunter macht man einen Kaiserschnitt.“ Mir sackte das Herz in die Hose. Darauf waren wir nicht vorbereitet. „Wann war denn die letzte Untersuchung?“

Vor 3 Tagen.
Wir machten ihr klar, dass wir uns voll auf eine natürliche Geburt eingestellt hatten und eigentlich keinen Kaiserschnitt wollten.

„Hm, na gut, wir messen jetzt hier nochmal und entscheiden dann.“

Also wurde ein Ultraschallgerät hereingefahren, gemessen und geschätzt: 2300g.

„Wir geben die Maße noch einmal in unser Programm ein, das weicht manchmal von der Schätzung des Gerätes ab.“

Wieder Hoffnung, aber vergeblich. Auch der Klinikcomputer kam nicht über 2,5kg. Mir war jetzt schon schwindelig. „Während der Schwangerschaft gab es sonst keine Komplikationen?“

Nein.
Nach dieser Antwort verließen die Ärzte wieder den Kreissaal um sich zu beraten.

„Ok, wir beginnen mal eine ganz normale Geburt, weil eben vorher nichts auffällig war, aber sollte sich jetzt noch irgendeine Kleinigkeit ergeben, dann machen wir einen Kaiserschnitt.“

Und raus war sie.
Wir waren dankbar, was sollte sich denn jetzt noch ergeben?!
Eine andere Ärztin untersuchte das Baby weiter mit dem Ultraschallgerät um genau zu wissen wie es im Bauch lag, zeigte uns ganz routiniert unser Kind, immer unseren Wunsch, das Geschlecht erst bei der Geburt zu erfahren, berücksichtigend.

Doch plötzlich schwand ihre Ruhe. Sie vergrößerte, probierte eine andere Perspektive und ließ schließlich die Oberärztin wieder holen.

Wir konnten ihre Nervosität spüren. Und ich sah es auch, was sie sich da genau anschaute. Dieser schwarze Fleck da. Irgendetwas stimmte nicht.

„Ist alles ok?“, fragte Stephie nervös. Keine Antwort. Die Ärztinnen unterhielten sich leise, tuschelten eher: „Ist es denn durchblutet?“, „Nein, nur drumherum!“

Ich zitterte. Was war los?

Weiter zu Teil 3

10 Gedanken zu “Geburtsbericht aus Männersicht – Charly: im Kreissaal

  1. Du machst immer an so spannenden Stellen Pause. Hoffe der nächste Teil kommt ganz schnell.
    Aber wieder super spannend geschrieben 🙂

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  2. Ahhhhhhh, viel zu spannend um aufzuhören… das geht so nicht 😉😉 hoffentlich geht es schnell weiter. Aber wieder sehr toll geschrieben

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  3. Oh, so spannend geschrieben!!
    Ich hatte auch eine BEL und dieses ganze KS ja/nein Drama während der letzten SSWn 😔
    Ich bin total gespannt, wie es weiter geht und vor allem, was der schwarze Fleck zu bedeuten hatte 🤔😯
    LG Mimi

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  4. Toll und spannend geschrieben
    Aber wieso hörst du immer wenn es spannend wird auf?
    Hoffentlich kommt der 3 Teil schnell du machst es ja echt spannend

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  5. Wie bei einer guten Serie, wenn es am Spannendsten ist, ist Schluss…. 🙈
    Aber soooo super geschrieben! Ich bin gespannt wie’s weitergeht….

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  6. Meine erste Tochter kam auch in BEL. Von allen Seiten wurde mir gesagt , ich müsste einen Kaiserschnitt machen und mir wurden Horrorgeschichten erzählt. Aber der Arzt meinte, das schaffen wir so und wir haben es allen gezeigt 👌🏼 Und ich fand die Geburt bei weitem besser und schmerzfreier als die zweite, wo der kleine richtig rum lag 😅

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  7. Georg, im Ernst? An dieser Stelle kommt dann „Fortsetzung folgt..“ 😄

    Ich liege doch gerade so bequem im Bett und hätte ausnahmsweise mal die Zeit, ganz entspannt zu lesen!

    Ich bin gespannt, wie es weiter geht!
    Ich Grüße dich und deine drei Damen ganz lieb!
    Bini

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