Geburtsbericht aus Männersicht – Charly: die Geburt

„Ist alles ok?“, fragte Stephie nervös. Keine Antwort. Die Ärztinnen unterhielten sich leise, tuschelten eher: „Ist es denn durchblutet?“, „Nein, nur drumherum!“

Ich zitterte. Was war los?

„Waren sie bei der Fehlbildungsdiagnostik?“, fragte die Ärztin in einem vorwurfsvollen Ton.

„Wir haben die Nackenfaltenuntersuchung gemacht und ich war zig Mal beim Ultraschall, da ist nie etwas aufgefallen!“, antwortete Stephie, die wie ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

„Na das ist aber keine Fehlbildungsdiagnostik! Waren Sie beim Spezialisten?“

„Nein, warum auch, es gab nie Anzeichen!“
So langsam klang es für uns so, als würde die Ärztin uns eine schlechte Vorsorge unterstellen. „Was ist denn mit unserem Baby?“

„Wir wissen es nicht! Da ist was am Hals, was dort nicht hingehört. Wir lassen jetzt den OP vorbereiten und rufen den Anästhesisten für ihre Betäubung. Wir machen jetzt einen Kaiserschnitt!“ Boom. Wir schauten uns besorgt und mit Tränen in den Augen an, doch Stephie behielt im Gegensatz zu mir noch mehr oder weniger die Fassung und stellte der Ärztin ein paar Fragen.
Mir wurde schwindelig, ich stützte mich am Bett ab und versuchte ruhig zu atmen, während die Ärztin die Operation erklärte.
„Aber ein richtiger Schnitt ist das ja nicht oder? Sie reißen doch eher?“ Stephie wusste über das ihr Bevorstehende definitiv besser Bescheid als ich. Und während die Ärztin meinte, dass man heutzutage nur noch anschneidet und die Bauchdecke dann eher aufreißt, um den Heilungsprozess zu erleichtern, versuchte ich verzweifelt ein Fenster zu öffnen um Frischluft zu bekommen.
Weil das nicht möglich war, führte mich die erfahrene Hebamme zum nächsten Waschbecken und drehte das kalte Wasser auf. Das kühle Nass an meinen Händen beruhigten mich wieder. Ich klatschte mir noch einmal ins Gesicht, um mich zusammenzureißen und für meine Frau da zu sein und ging wieder zurück ans Bett.
Die Ärztin war wieder weg und die Hebamme löste die Bremsen am Bett, um Stephie in den OP zu fahren. Auf dem Flur kam die Anästhesistin dazu und klärte Stephie über die Betäubung und die Nebenwirkungen auf. Nachdem meine Frau ihre Unterschrift unter das Formular gesetzt hatte, verschwand die Ärztin auch wieder und die Hebamme und ich schoben Stephie durch die Flure.
Dann sollte ich kurz warten, Stephie wurde weitergeschoben und ein Pfleger kam, der mich in eine Umkleide führte, mir eine grüne Hose, ein Hemd, Kopf- und Mundschutz in die Hand drückte. Ich zog mich um und wurde kurz darauf in den OP geführt, in dessen Mitte schon so einiges im Gange war. Um Stephie herum wuselten die Schwestern, die Hebamme und die Ärzte in ihren „Uniformen“. Als ich dann so verkleidet vor ihr stand, erkannte mich Stephie erst gar nicht. Erst, als ich ihr über die Backe streichelte, meinte sie: „Ach, du bist´s!“

Wir waren jetzt wie in einer kleinen Blase, Stephie und ich, die Welt um uns herum nahm ich kaum noch war. Vor uns hing ein großes Laken, damit wir nicht sehen konnten, was genau passiert. Ich spürte dann aber, wie Stephies Körper sich bewegte, als wohl der Riss gemacht wurde. Irgendwann holte uns die Frage „möchten Sie sehen, wie ihr Kind geboren wird?“ wieder aus unserer Zweisamkeit.

Obwohl ich mir ja schon bei der Vorstellung des Kaiserschnitts unwohl wurde, wollte ich diesen Moment auf keinen Fall verpassen.
„Natürlich!“, war meine kurze, aber bestimmte Antwort.

„Ok, dann zählen wir jetzt bis drei und dann dürfen Sie aufstehen!“

Mein Herz raste. Ich werde zum zweiten Mal Papa!
„1“
Was hat unser Kind am Hals?
„2“
Ist es ein Junge oder ein Mädchen?
„3“

Ich stand auf, sah die Öffnung in Stephies Bauch, die Hände der Ärztin darin und dann, wie sie unser Baby heraushob!
Alles geschah wie in Zeitlupe.
Es fing an zu schreien!
Laut und kräftig, ganz anders als Gwendolyn damals und an seinem Hals konnte ich auf den ersten Moment nichts Dramatisches erkennen. Ja, er war auf der einen Seite etwas dicker, dort war irgendwie mehr Gewebe.
„Was hat es am Hals?“ fragte Stephie, während mein Blick an unserem Kind nach unten wanderte.
„SIE hat gar nichts! Ich kann überhaupt nichts erkennen!“
und mit diesen Worten setzte ich mich wieder, nicht ruhig und kontrolliert, sondern eher so, als ließ mit der abfallenden Anspannung auch die Kraft meiner Muskeln nach. Ich brach in Tränen aus und fiel Stephie um den Hals.

„Charlotte ist da und es geht ihr gut! Man sieht gar nichts, da ist überhaupt nichts. Sie ist gesund!“, so oder so ähnlich schluchzte ich vor mich hin.

Die Kinderärzte nahmen Charly kurz mit nach draußen, um zu checken, ob wirklich alles in Ordnung ist. Doch weit weg waren sie nie, wir konnten sie die ganze Zeit über schreien hören.

Ein paar Minuten später kamen die Ärzte zurück und legten Stephie unsere Süße auf die Brust. Plötzlich war sie ganz still und lag da, als würde sie nirgends anders hingehören. Ab jetzt waren wir zu viert.

Ich habe diesen Moment und auch Gwennys Geburt noch ganz genau vor Augen. Ich erinnere mich an jede Sekunde davon besser, als an jedes andere Ereignis, von dem es hunderte von Fotos gibt.

Kurze Zeit später wurde uns Charly wieder weggenommen. Sie musste auf die Neugeborenenintensivstation, denn es war immer noch nicht genau klar, was sie da am Hals hatte.
„Es dauert nur 30 Minuten, dann kommt sie zurück!“, meinte die Hebamme. Es vergingen allerdings 2 Stunden, in denen ich alle 10 Minuten danach verlangte, meine Tochter zu sehen, was aber leider nicht möglich war.

„Wir wollen nur noch einmal einen Ultraschall von ihrem Hals machen. Es geht ihr gut, sie atmet ganz normal. Doch leider ist es auf der Station wegen eines Notfalls gerade ziemlich voll, deshalb muss Charlotte warten. Aber seien sie froh, dass sie warten kann ist doch ein gutes Zeichen“.

Irgendwann durfte ich dann zu ihr.
Endlich.
Man hatte sie immernoch nicht genauer untersucht, deshalb sollte sie über Nacht auf der Neugeborenenintensiv bleiben. Nur um sicher zu gehen, dass sie der dicke Hals wirklich nicht beim Atmen stört.
Da lag sie. So klein und verletzlich. Unsere Tochter. Wenn ich an diesen Moment in dem halbdunklen Raum denke, unser erster Papa-Tochter-Augenblick, dann bekomme ich richtig Gänsehaut. Ich streichelte sie, hielt ihre Hand und versuchte sie so viel Liebe wie möglich spüren zu lassen, damit sie uns in ihrer ersten Nacht auf der Welt nicht zu sehr vermissen würde. Alleine war sie ja nicht. Schließlich lagen hier noch 3 weitere Neugeborene zwischen den piepsenden Maschinen. Ich wusste zwar immer noch nicht, was sie hatte, aber als ich mir die anderen Babys um uns herum betrachtete, teilweise noch kleiner als sie, künstlich beatmet und sogar ernährt, hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil wir uns in den letzten Stunden so verrückt gemacht hatten.


Ich durfte sie dann noch einmal aus dem Bettchen nehmen – was mit den ganzen Kabeln nicht so einfach war – und sie nochmal zu ihrer Mutter bringen. Stephie hat sie dann zum ersten Mal gestillt.

Gegen 3 Uhr nachts fuhr ich wieder nach Hause, um mich zu Gwenny ins Bett zu legen. Stephie schlief in ihrem Klinikzimmer, Charly auf der Intensiv.

Da lag ich mit der Großen im Arm in unserem Familienbett, Charlys Hals und der Schock über die Entdeckung schwebten mir noch ein bisschen im Kopf herum, bevor ich zuversichtlich und überglücklich einschlief.
So, das war dann wohl das Ende des Geburtsberichtes. Um was es sich da an Charlys Hals handelt, erkläre ich euch dann auch bald. Und zeigen werde ich es euch auch, obwohl ich bis jetzt immer darauf geachtet habe, dass man es auf den Bildern nicht sieht. Aber dazu später mehr!

6 Gedanken zu “Geburtsbericht aus Männersicht – Charly: die Geburt

  1. Hallo! Mit Spannung habe ich die Berichte gelesen und mit gefiebert. Und vielleicht meinte deine Teamkollegin den Literaturnobelpreis- kann ich mir jedenfalls gut vorstellen
    😉
    Ich hoffe noch ganz viel zu lesen

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  2. Huhu, ich hab wortwörtlich bei jedem neuen Teil ein Fashback von der Geburt meiner klein Maus bekommen. Und auch Ich musste meine Mausi für 4 Stunden auf die neugeborenen intensiv da sie nicht trinken wollte sie haben ihr den Magen auspumpen müssen da er noch voll vom fruchtwasser war.

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  3. Danke für deinen Bericht … ich verfolge seit ein paar Wochen Deinen Blog (weiß gar nicht mehr wie ich den gefunden habe) auf jeden Fall kann ich Euch sehr gut nachempfinden. Das Feingefühl von Schwestern und Ärzten läßt sehr oft zu wünschen übrig. Man bekommt da Sachen an den Kopf geknallt und wird fragend zurückgelassen.
    Unsere Eliana, das 4. Kind, kam mit DS und Herzfehler auf Welt und irgendwie wurden wir anders behandelt. Es hat dann auch keiner mehr zum Baby gratuliert….
    Wir waren im übrigen bei der Pränataldiagnostik und es wurden keine Auffälligkeiten gefunden.

    Ich wünsche Euch vieren eine tolle Zeit

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  4. Ach flyingdaddygeorge,
    jetzt Sitze ich grade im Dubai – Layover bei einer Tasse Cappuccino und heule wie ein Schlosshund beim Lesen deines Geburtsberichtes!!! Da haben Stephie und du ja echt nervenzerreißende Stunden hinter euch!!! Um so schöner, dass die Liebe (die man beim Lesen so dermaßen spüren kann) zu deinen Kindern und zu Stephie trotzdem die unschönen Momente in den Hintergrund treten lässt. Man spürt einfach, dass ihr 4 ein unschlagbares Team seit.
    Alles Liebe für dich und deine 3 Mädels.
    Ich hole mir jetzt mal ne zweite Tasse Kaffee und vielleicht irgendwas mit Schokolade zum beruhigen der Nerven *lach*, und klicke mich mal weiter durch deinen Blog.

    Liebste Grüße
    Jennifer

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